Nutra Digest von Nutravya
Haben Sie schon von dem Produkt gehört bzw. negative Erfahrungen vorliegen? Das Werbevideo ist natürlich erstklassig, aber man ist bei diesem Preis ja auch misstrauisch.
Frage
Haben Sie schon von dem Produkt gehört bzw. negative Erfahrungen vorliegen? Das Werbevideo ist natürlich erstklassig, aber man ist ja auch misstrauisch.
Antwort
Nach zahlreichen Anfragen und Beschwerden zu diesem Produkt in 2019 - wir hatten damals die Lebensmittelüberwachung eingeschaltet - erfüllt die Internetseite inzwischen zumindest die meisten Kriterien nach Telemediengesetz (jetzt wird eine Geschäftsadresse in Frankreich angegeben, wobei sich die Seite ausschließlich an deutsche Kundschaft richtet). Die Internetseite selbst wird in den USA gehostet.
Es werden aber weiterhin unzulässige gesundheitsbezogene Angaben (siehe unten) getätigt und es fehlen Pflichtangaben wie eine Zutatenliste. Die 2022 noch fehlende Nährwertkennzeichnung ist inzwischen vorhanden. Die Produktnamen einiger anderer Produkte wie "Cardio", "Somnia" oder "Detox" verstoßen durch ihren Krankheitsbezug gegen geltendes Recht.
Das Produkt "Nutra Digest" beinhaltet neben dem Aminozucker N-Acetylglucosamin (einem im Gelenkknorpel vorkommenden Stoff) eine ganze Reihe von Pflanzenstoffpulver und -Extrakten aus angeblichen „Superfrüchten“. Laut Werbung ist es eine „einzigartige Mischung aus Zutaten“," speziell entwickelt wurde, um eine optimale Verdauung zu fördern und den Darm auf natürliche Weise zu normalisieren" - gut klingende Aussagen, für die in Bezug auf das Produkt keine wissenschaftlichen Belege gibt.
Enthalten sind laut Nährwertangaben - eine Zutatenliste fehlt - u.a. Traubenkernextrakt, Pilzpulver, Berberin, Süßholzwurzelpulver (Lakritz) und Zimtrindenpulver, aber auch Schwarzer Pfeffer. Letzterer enthält ca. 9 % Piperin. Piperin soll die Aufnahme von (Pflanzen-)Stoffen (Bioverfügbarkeit) erhöhen. Wahrscheinlich erhöht es aber auch die Aufnahme von Wirkstoffen aus Medikamenten, was problematisch sein kann. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung sollten Erwachsene sollten nicht mehr als 2 Milligramm isoliertes Piperin pro Tag über Nahrungsergänzungsmittel aufnehmen. Es ist allerdings nicht erkennbar, wie viel Piperin im Produkt enthalten ist, es ist lediglich die Menge Schwarzer Pfeffer angegeben. Für den enthaltenen Pfeffer wird mit der unzulässigen Angabe "Hilft bei der Verdauung von Giftstoffen und unterstützt die Kontrolle des Körpergewichts." geworben.
Laut Nährwertangaben ist pro Tagesdosis 30 mg Berberin enthalten. Berberin selbst darf aktuell in der EU in Nahrungsergänzungsmitteln nicht verwendet werden. Was hier als Quelle verwendet wird, lässt sich mangels Zutatenliste leider nicht feststellen. Berberin wird von den Europäischen Lebensmittelüberwachungsbehörden als riskanter Stoff eingestuft, derzeit läuft bei der EFSA die Sicherheitsprüfung. Die französische Behörde ANSES sieht 0,1 mg Berberin als sichere Tageshöchstmenge für einen 60 kg schweren Menschen. In Belgien sind Mengen über 10 mg/Tagesdosis verboten. ANSES empfiehlt Kindern, Jugendlichen, Schwangeren, Stillenden und bestimmten Risikogruppen (Diabetiker, Personen mit Leber- oder Herzbeschwerden) auf Berberin zu verzichten. In der Schweiz ist Berberin verboten. Die regulierende Wirkung der Darmmikrobiota durch Berberin wurde bisher nur an Ratten und Mäusen, nicht aber beim Menschen nachgewiesen.
Auch traditionelle Heilpflanzen wie Eibischwurzel (Althaea, traditionell eingesetzt gegen trockenen Husten) oder Wermut (Artemisia, traditionell eingesetzt bei Magen-Darm-Beschwerden) werden als Pulver verwendet. Allerdings ist nicht klar, welche Teile der Pflanze dafür verwendet werden. Laut Stoffliste Pflanzenteile von BfARM/BVL sollte die Sicherheit von Wermut von der EU hinsichtlich ihrer Sicherheit geprüft werden, für Eibisch wird nur eine beschränkte Verwendung empfohlen. Eine pharmakologische Wirkung wie Heilpflanzen dürfen diese Zutaten in Nahrungsergänzungsmitteln - also Lebensmitteln - nicht entfalten.
Für die Aussage zum Produkt "zur Unterstützung Ihres Darms und zur Förderung einer gesunden Darmwand" fehlen die wissenschaftlichen Belege. Es gibt keine diesbezüglich von der EU zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen. Gleiches gilt für viele andere Behauptungen wie z.B. für Mönchspfeffer "Unterstützt die Herz-Kreislauf-Funktion" oder "fördert die Durchblutung". Die deutsche Lebensmittelüberwachung kann solche Falschbehauptungen selbst nicht unterbinden, da sich der Shop laut Impressum in Frankreich befindet.
Unser Tipp für eine "gute Verdauung“: Reichlich Ballaststoffe zu sich zu nehmen, trägt zu einer gesunden Darmflora bei und hilft, Darmträgheit zu vermeiden. Dazu sind keine Nahrungsergänzungsmittel nötig. Eine ausgewogene Ernährung mit vielen pflanzlichen Lebensmitteln, wie Gemüse, Obst, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten sowie Sauermilchprodukten wie Naturjoghurt liefert vielfältige Ballaststoffe und ist daher wirkungsvoller als ein einzelnes Lebensmittel mit zugesetzten Stoffen. Viel Flüssigkeit und ausreichend Bewegung geben dem Darm zusätzlichen Schwung.
Zum Weiterlesen:
Sekundäre Pflanzenstoffe – warum sie wichtig sind
Für immer jung mit Resveratrol oder OPC?
Berberin in Nahrungsergänzungsmitteln
Quellen:
Stofflisten Pflanzen und Pflanzenteile des BVL, Einträge A-K, 2. Auflage 2020
Ziegenhagen R et al. (2021): Safety Aspects of the Use of Isolated Piperine Ingested as a Bolus. Foods 8 (10): 2121
ANSES OPINION on the “safety of use of berberine-containing plants in the composition of food supplements”, Stand: 01.08.2019
Zhang L (2021): Effects of Berberine on the Gastrointestinal Microbiota. Front Cell Infect Microbiol 10: 588517







