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Lebensmittel mit Gesundheitsversprechen

Stand:

Viele Lebensmittel versprechen eine Extraportion Gesundheit. Seit Ende 2012 darf für Lebensmittel nur noch mit von der EU erlaubten Gesundheitsslogans geworben werden. Erlaubt heißt aber nicht, dass die damit beworbenen Lebensmittel sinnvoll oder notwendig sind.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Gesundheitsbezogene Werbeaussagen müssen von der EU zugelassen sein.
  • Sie sind für alle Lebensmittel erlaubt, unabhängig davon, ob diese eher gesund sind oder aber viel Zucker, Salz oder Fett enthalten. Um das zu begrenzen sollten schon ab 2009 Nährwertprofile erarbeitet werden, die immer noch ausstehen.
  • Wer ständig mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel isst, riskiert damit unter Umständen eine Überversorgung mit diesen Nährstoffen.
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Health Claims - gesundheitsbezogene Versprechen

Wohl nur wenige können von sich behaupten, immer gesund und abwechslungsreich zu essen. Da kommen Lebensmittel wie gerufen, die angeblich für einen Ausgleich sorgen. 2006 hat die Europäische Union beschlossen, dem Wildwuchs an nicht beweisbaren Aussagen mit gesundheitlichem Bezug ein Ende zu setzen; die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 trat in Kraft. Die EFSA wurde beauftragt, die von Herstellern eingereichten Werbeversprechen wissenschaftlich zu überprüfen. Aufgrund der großen Anzahl von Anträgen hat es fünf Jahre gedauert, bis die EU im Mai 2012 eine Liste mit 222 erlaubten gesundheitsbezogenen Aussagen, auch Health Claims genannt, veröffentlicht hat. Diese Liste wird seither fortlaufend erweitert.

Erlaubte gesundheitsbezogene Aussagen

Zugelassen hat die EU überwiegend Werbung für Vitamine und Mineralstoffe. Hersteller, die bestimmte Mengen zusetzen, dürfen zum Beispiel damit werben, dass Vitamin C zur normalen Funktion des Immunsystems beiträgt oder Calcium für die Erhaltung normaler Knochen benötigt wird. Das gilt für alle Arten von Lebensmitteln, also auch für Nahrungsergänzungsmittel.

Auch auf die positive Wirkung von Ballaststoffen aus Roggen für die Verdauung dürfen die Hersteller hinweisen. Sagen dürfen sie ebenso, dass der Zusatz bestimmter Fettsäuren zur normalen Herzfunktion, normalen Sehkraft und normalen Gehirnfunktion beitragen. Ebenfalls erlaubt ist die Aussage, dass Phytosterine den Cholesterinspiegel senken, Walnüsse die Elastizität der Blutgefäße verbessern und Wasser die normale Körpertemperatur reguliert.

Für Kinder-Lebensmittel gelten strengere Regeln und speziellere Claims.

Verbotene gesundheitsbezogene Aussagen

Für viele eingereichte Aussagen konnte kein Nachweis erbracht werden. Seit Dezember 2012 sind beispielsweise folgende Aussagen verboten:

  • Glucosamin für gesunde Knochen und Gelenke
  • Cranberry zur Förderung der Blasengesundheit
  • Probiotische Joghurts wirken positiv auf das Immunsystem

Wie die Hersteller mit den Claims umgehen

Allerdings bedienen sich Hersteller der langen Liste an erlaubten Aussagen inzwischen anders als ursprünglich gedacht: Jeder kann im Prinzip seine Produkte mit "wichtig für das Immunsystem" "schützt die Zellen" oder "hilft der Verdauung" bewerben - er muss nur die richtigen Vitamine, Mineralstoffe oder sonstige in der Liste erwähnte Substanzen einsetzen. Andere Hersteller nutzen die Positivliste als Alibifunktion. Produkte mit einem abgelehnten Claim werden nun zusätzlich mit Stoffen versetzt, für die die gewünschte Werbeaussage gestattet ist. So wird ein Joghurt mit "probiotischen" Bakterien, der als solcher nicht mehr mit dem Lockruf "Stärkung des Immunsystems" angepriesen werden darf, kurzerhand mit Vitamin C aufgepeppt und darf wieder auf das Immunsystem hinweisen – in Zusammenhang mit diesem Vitamin. Allerdings ist der Hersteller dabei relativ eng an die Textvorgabe der EU gebunden, ein anderer als der zugelassene Gesundheitsbezug darf dabei nicht entstehen. Eine "Stärkung des Immunsystems" geht somit für Vitamin B6, Vitamin C, Vitamin D oder Zink nicht mehr, sondern nur der Hinweis "trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei"

Was die Claims für Verbraucher bedeuten

Die meisten der anerkannten Auslobungen beziehen sich auf Nährstoffe, mit denen die Bevölkerung in der Regel hinreichend versorgt ist. Durch die Claims werden Verbraucher unnötig verunsichert – eigentlich nicht das, was die EU mit ihrer Verordnung erreichen will. Ob Verbraucher die zugelassenen Claims richtig verstehen und wie sich die Werbebotschaften und Aufdrucke auf den Verpackungen auf die Ernährungsweise auswirken, muss von der EU-Kommission untersucht werden – so sieht es die Verordnung vor.

Drohende Überversorgung

Fest steht, dass derartige Lebensmittel für eine gesunde Ernährung unnötig sind. Im Gegenteil: Wer ständig zu angereicherten Produkten greift, der riskiert damit unter Umständen eine Überversorgung mit bestimmten Stoffen. Dies ist keineswegs so unproblematisch, wie allgemein angenommen wird. Es mehren sich die Hinweise, dass künstliche Vitamine eher schaden als nützen, wie zum Beispiel bei überhöhter Zufuhr von künstlicher Folsäure.

Hersteller verschweigen häufig den tatsächlichen Gehalt an zugesetzten Stoffen. Damit die Produkte auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch die entsprechende Menge an Vitaminen enthalten, wird oft mehr zugesetzt, als auf der Verpackung angegeben wird. Besonders bei Säften, von denen oft mehr als ein Glas am Tag getrunken wird, wird schnell die sichere Obergrenze für die Zufuhr überschritten.

Forderungen der Verbraucherzentrale

Zwar wurde mit der Positivliste dem Wildwuchs an unbewiesenen Aussagen Einhalt geboten, doch vieles ist noch ungeregelt. Es gibt beispielsweise in der EU auch weiterhin keine Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Lebensmitteln – auch wenn das Bundesministerium für Ernährung und Lebensmittel 2017 angekündigt hat, jetzt nationale Höchstwerte erarbeiten zu lassen. Verbraucher sind damit überfordert, selbst einzuschätzen, ob das eigene Essverhalten bereits zu einer Überversorgung führt oder nicht. Auch fehlt ein schlüssiges Konzept, um zu bewerten, wie mit vielen verschiedenen Stoffen angereicherte Lebensmittel wirken und wie Verbraucher vor eventuellen negativen Folgen dieser Nährstoffcocktails geschützt werden können.

Und selbst das Wichtigste steht noch aus: die Festlegung der sogenannten Nährwertprofile. Die Health Claims-Verordnung sieht vor, dass ernährungsphysiologisch ungünstige Lebensmittel nicht mit dem positiven Image "Gesundheit" werben dürfen. Die Nährwertprofile sollen Höchstwerte für Zucker, Fett und Salz festlegen. Werden diese überschritten, soll auch keine gesundheitsbezogene Werbung auf der Verpackung stehen. Doch unter dem Einfluss der Lebensmittelindustrie ruht die Diskussion seit Jahren. Die Abgeordneten des EU-Parlaments haben Mitte April 2016 für eine Streichung dieser Nährwertprofile aus der Health Claims-Verordnung gestimmt. Sollten die Nährwertprofile tatsächlich vollständig entfallen, würde der Health-Claims-Verordnung ihr Herzstück genommen. Und Hersteller können weiterhin auch Fett- und Zucker"bomben" mit Vitaminen und Co. anreichern und ihnen deshalb einen gesunden Anstrich verpassen. Deshalb fordert die Verbraucherzentrale,

  • dass endlich Nährwertprofile festgelegt werden , die bereits seit Anfang 2009 ausstehen. Ohne Nährwertprofile bieten die gesundheitsbezogenen Angaben keine sinnvolle Verbraucherinformation,
  • dass Höchstmengen für die Anreicherung mit Mikronährstoffen festgelegt werden, die nicht nur die Anreicherung einzelner Lebensmittel berücksichtigen, sondern auch den möglichen Verzehr diverser angereicherter Produkte.