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Cholesterinsenker aus dem Supermarkt: Nicht für jeden geeignet

Stand:

Das Wichtigste in Kürze:

  • Margarine, Milchprodukte, Frucht- und Sojagetränke mit einem Zusatz an Pflanzensterinen sind nur für Personen mit einem zu hohen Cholesterinspiegel. Nicht für Kinder, Schwangere und Stillende!
  • Der LDL-Cholesterinspiegel kann durch die Verwendung solcher Lebensmittel um 7-12 % gesenkt werden.
  • Anwendungshinweise, vor allem die Dosierung unbedingt berücksichtigen.
  • Wer Arzneimittel einnimmt, sollte diese Lebensmittel nicht ohne vorherige Rücksprache mit dem Arzt essen.
Blutplättchen
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Was bewirken Lebensmittel mit Pflanzensterinzusatz?

Pflanzensterine (Phytosterine) sind natürliche Bestandteile von Pflanzenzellen. Der Begriff umfasst sowohl Pflanzensterole als auch Pflanzenstanole. Geringe Mengen Pflanzensterine kommen in allen fettreichen pflanzlichen Lebensmitteln (zum Beispiel in Ölen, Nüssen, Samen, Getreidekeime) sowie daraus hergestellten Lebensmitteln vor.

Für den Menschen sind sie nicht essentiell und werden im menschlichen Stoffwechsel fast nicht genutzt. Pflanzensterin-Präparate, die als Zutat für "cholesterinsenkende Lebensmittel" verwendet werden, sind in der Regel Konzentrate aus Pflanzenölen oder werden aus Tallöl, einem Nebenprodukt der Holzverarbeitung, gewonnen.

Pflanzensterine haben eine ähnliche Struktur wie Cholesterin. Bei der Aufnahme im Darm konkurrieren sie mit Cholesterin und behindern dessen Aufnahme. Das führt zu einer leichten Senkung des Cholesterinspiegels. Durch den regelmäßigen Verzehr von Lebensmitteln mit einem Pflanzensterinzusatz (mit täglich 1,5-3 Gramm Pflanzensterinen) lässt sich bei etwa 70 % der Bevölkerung der LDL-Cholesterinsspiegel nach zwei bis drei Wochen um 7-12,5 % verringern.
Das heißt jedoch nicht, dass daraus auch ein Nutzen für die Gesundheit erwächst. Bislang gibt es keine Studien, die einen positiven Einfluss der Pflanzensterine auf die Krankheits- und Sterblichkeitsrate bei koronaren Herzerkrankungen zeigen. Höhere Mengen können den Effekt nicht weiter steigern, im Gegenteil: Sie können sogar schaden.

Durch den täglichen Verzehr von 2 Gramm steigt der Blutspiegel an Pflanzensterinen auf das 2- bis 3-fache und die Aufnahme von Carotinoiden und fettlöslichen Vitaminen aus der Nahrung wird beeinträchtigt, was für Schwangere, Stillende und Kinder ein gesundheitliches Risiko bedeutet.

Auf die cholesterinsenkende Wirkung von Lebensmitteln mit Pflanzensterin-Zusatz dürfen die Hersteller sowohl auf den Verpackungen als auch in Anzeigen, Fernseh- oder Rundfunkspots hinweisen. Diese Aussage ist als sogenannter "Health Claim" von der EU zugelassen worden. Für die gewünschte Wirkung ist eine Menge von 2 Gramm pro Tag erforderlich.

Worauf sollte ich achten?

Von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit wurde eine maximale tägliche Verzehrmenge von 3 Gramm Pflanzensterinen festgelegt. Die im Handel angebotenen Produkte enthalten die wirksame Menge an Pflanzensterinen jeweils in einer typischen Verzehrmenge für einen Tag: 1 Flasche Joghurtdrink (100 Milliliter) oder 500 Milliliter Milch oder 25 Gramm Margarine. Durch den kombinierten Verzehr mehrerer dieser Produkte kann diese Grenze schnell überschritten werden! Für gesunde Personen - ohne erhöhten Cholesterinspiegel - sind die Produkte nicht geeignet.

Mit Pflanzensterinen angereicherte Lebensmittel sind in ihrer Wirkung mit Arzneimitteln zu vergleichen und nicht ohne Nebenwirkungen.


Deshalb sollten Sie folgende Hinweise unbedingt beachten:

  • Verwenden Sie Lebensmittel mit Pflanzensterinzusatz nur, wenn Sie einen erhöhten Cholesterinspiegel im Blut haben und diesen senken wollen. Für alle anderen Personen besteht keine Notwendigkeit, Geld für diese teuren Produkte auszugeben - möglicherweise ist das sogar mit gesundheitlichen Gefahren verbunden.
  • Sprechen Sie die Verwendung dieser Produkte mit einem Arzt ab, vor allem, wenn Sie gleichzeitig cholesterinsenkende Arzneimittel einnehmen.
  • Diese speziellen Lebensmittel eignen sich keinesfalls für die ganze Familie, insbesondere nicht für Schwangere, Stillende und Kinder. Deshalb: Bewahren Sie diese Produkte getrennt von ähnlichen Produkten auf.
  • Achten Sie darauf, dass Sie täglich nicht mehr als 3 Gramm Pflanzensterine aufnehmen. Verzehren Sie gleichzeitig ausreichend Gemüse und Obst (5 Portionen pro Tag).
  • Beachten Sie die Hinweise auf der Verpackung.

Vorgeschriebene Kennzeichnung nicht ausreichend

Eine deutschlandweite repräsentative Befragung der Verbraucherzentralen und des Bundesinstituts für Risikobewertung im Jahr 2007 ergab, dass 45 % der Konsumenten von Lebensmitteln mit einem Zusatz an Pflanzensterinen diese Produkte verzehren, obwohl sie gar keinen erhöhten Cholesterinspiegel haben. Nur ein Drittel der Befragten, die cholesterinsenkende Medikamente einnehmen, hat den Verzehr der speziellen Lebensmittel mit dem Arzt besprochen.
Weniger als 1 % der Befragten kannte alle unten stehenden Warn- und Gebrauchshinweise, die bei der Verwendung von Lebensmitteln mit Zusatz von Pflanzensterinen zu beachten sind.

Bestätigt wurden diese Ergebnisse 2011 durch eine belgische Untersuchung. Danach aßen bereits 21 % der Vorschulkinder regelmäßig derartige Lebensmittel. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Konsumenten hatte keinen erhöhten Cholesterinspiegel.

Vorgeschrieben sind:

  • Hinweis "mit zugesetzten Pflanzensterinen/Pflanzenstanolen" in unmittelbarer Nähe der Bezeichnung des Lebensmittels
  • Hinweis, dass das Erzeugnis nicht für Personen bestimmt ist, die ihren Cholesterinspiegel im Blut nicht zu kontrollieren brauchen
  • Im selben Sichtfeld der Hinweis, dass die Aufnahme von mehr als 3 Gramm pro Tag an zugesetzten Pflanzensterinen vermieden werden sollte
  • Hinweis, dass Patienten, die cholesterinsenkende Arzneimittel einnehmen, das Produkt nur unter ärztlicher Aufsicht verzehren sollten
  • Menge an zugesetzten Pflanzensterinen je 100 Gramm bzw. 100 Milliliter (im Zutatenverzeichnis)
  • Gut sichtbarer Hinweis, dass das Erzeugnis für schwangere und stillende Frauen sowie für Kinder unter fünf Jahren nicht geeignet ist
  • Ratschlag, dass für die Aufrechterhaltung des Carotinoidspiegels im Blut der regelmäßige Verzehr von Obst und Gemüse wichtig ist
  • Empfehlung, das Erzeugnis als Bestandteil einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung zu verwenden, zu der zur Aufrechterhaltung des Carotinoidspiegels im Blut auch der regelmäßige Verzehr von Obst und Gemüse zählt
  • Definition der Portionsgröße (g oder ml) unter Angabe der Menge an Pflanzensterinen, die in der Portion enthalten sind

Forderung der Verbraucherzentrale

Wegen des offenkundig weit verbreiteten  unbedenklichen Umgangs mit diesen Lebensmitteln und der möglichen Gesundheitsgefahren für gesunde Personen durch längerfristigen Verzehr, fordern die Verbraucherzentralen ebenso wie das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Pflanzensterine als Zutat in Lebensmitteln neu bewertet.

Mögliche Risiken

Studien lassen vermuten, dass Pflanzensterine selber Arteriosklerose hervorrufen können. Es gibt unter anderem Hinweise darauf, dass eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Pflanzensterinen zu einer Versteifung der Gefäße, einer Erhöhung der Schlaganfallraten und einer Einlagerung der Pflanzensterine in die Herzklappen führen könnte. In einer niederländischen Studie hatten Pflanzensterine einen negativen Effekt auf die Mikrogefäße der menschlichen Netzhaut. Diese Veränderungen sind ein Früherkennungssignal für kardiovaskuläre Risiken.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die französische Lebensmittelsicherheitsbehörde (Agence française de sécurité sanitaire des aliments) fordern seit 2013, dass die Verwendung von Pflanzensterinen als Lebensmittelzutat auf europäischer Ebene auf den Prüfstand gestellt wird.

Lebensmittel mit Pflanzensterinzusatz bedürfen einer Zulassung

Produkte mit Pflanzensterinzusatz gehören zu den so genannten "Neuartigen Lebensmitteln", da ihnen Pflanzensterine in isolierter Form sowie in für Lebensmittel untypisch hohen Mengen zugesetzt werden und sie vor dem Inkrafttreten der Novel-Food-Verordnung noch nicht als Lebensmittel in der EU verwendet wurden. Sie unterliegen deshalb der Novel-Food-Verordnung. Diese schreibt vor, dass derartige Lebensmittel ein Prüf- und Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen, bevor sie auf den Markt kommen.

In der Europäischen Union ist heute bereits eine breite Palette von Lebensmitteln mit Zusatz von Pflanzensterinen zur Vermarktung zugelassen ‒ zum Beispiel Salat- und Gewürzsoßen, milch-, joghurt- und käseartige Erzeugnisse, Sojagetränke, Fruchtgetränke auf Milchbasis und Roggenbrot. Weitere Anträge sind gestellt.
Die Zulassungen können bei der EFSA eingesehen werden, ebenso die aktuell laufenden Anträge.