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Ärztliche Zweitmeinung: Was die Krankenkasse zahlt

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Steht eine Operation an, wollen viele Patienten auf Nummer sicher gehen und einen weiteren Spezialisten befragen. Doch dieses Recht wird nicht bei jeder Diagnose zugestanden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Es gibt einen gesetzlichen Anspruch auf ärztliche Zweitmeinung.
  • Die gesetzlichen Krankenkassen müssen dafür die Kosten übernehmen.
  • Gesetzlicher Anspruch auf ärztliche Zweitmeinung besteht nur bei planbaren Eingriffen (z.B. OP).
  • Welche Eingriffe konkret zweitmeinungsfähig sind ist bisher nicht geregelt, da eine verbindliche Richtlinie auf sich warten lässt.
Artz-Patient-Gespräch
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Recht auf Zweitmeinung

Da gesetzlich Versicherte ihren Arzt frei wählen können, ist es unproblematisch, bei Behandlungen einen weiteren Mediziner zu Rate zu ziehen. Der Zweitgutachter kann seine Beratungsleistung mit der gesetzlichen Krankenkasse abrechnen. Wer das Einholen einer Zweitmeinung plant, sollte den behandelnden Arzt darüber informieren und zu diesem Zweck um Aushändigung von Berichten, Laborwerten und Ergebnissen von Röntgenuntersuchungen bitten.

Patienten haben das Recht, Einsicht in die vollständige Patientenakte zu nehmen. Sie können auch elektronische Abschriften von der Patientenakte verlangen. Dadurch werden überflüssige und gesundheitlich belastende Doppeluntersuchungen und auch Kosten vermieden. Patienten haben ein Recht auf Kopien der Patientenakte bzw. der vorliegenden Befunde. Lediglich die Kosten für die Kopien darf der behandelnde Arzt in Rechnung stellen.

Neue Regelung bei bestimmten Eingriffen

Im September 2017 hat der gemeinsame Bundesausschuss (B-BA) in einer Richtlinie festgelegt, dass die neuen Regelungen für Eingriffe an den Gaumen- und/oder Rachenmandeln und Gebärmutterentfernungen gelten. Jedoch steht eine Entscheidung durch das Bundesministerium für Gesundheit noch aus, so dass die Richtlinie noch nicht in Kraft getreten ist. Steht eine Operation an, die nach der neuen gesetzlichen Regelung einen gesonderten Anspruch auf eine Zweitmeinung rechtfertigt, muss der Arzt den Patienten mindestens zehn Tage vor dem geplanten Eingriff über diese Möglichkeit aufklären.

Außerdem muss der Patient informiert werden, dass er seine Behandlungsunterlagen einsehen kann und die Krankenkasse in diesen Fällen auch die Kosten für die Kopien übernimmt. Der Arzt muss künftig auch auf Listen mit zugelassenen Zweitgutachtern, die für die Begutachtung der noch festzulegenden Eingriffe ausreichend qualifiziert sind, hinweisen.

Die Extras der Krankenkassen

Die gesetzlichen Krankenkassen dürfen ihren Versicherten außerdem schon jetzt bei anstehenden Operationen ärztliche Zweitmeinungen auf freiwilliger Basis bezahlen. Deshalb kann es sich lohnen, bei der eigenen Krankenkasse nach dieser Leistung zu fragen.

Rund die Hälfte der 62 Krankenkassen in NRW zum Beispiel bietet dieses Versorgungsplus an. Von diesen 32 gewähren knapp zwei Drittel den Zusatzcheck bei Eingriffen an Wirbelsäule, Hüfte, Knie oder Schulter. Ein Drittel der Krankenkassen mit Extraleistungen in diesem Bereich ermöglicht Patienten mit einer Krebsdiagnose eine weitere Begutachtung durch Spezialisten.

Vereinzelt richtet sich das Angebot auch an Patienten mit einer bevorstehenden Herzoperation oder einer anderen Behandlung. Von Krankenkasse zu Krankenkasse unterschiedlich ist der Ablauf des Zweitmeinungsverfahrens. Rund die Hälfte der 32 NRW-Versicherer wickelt es über Onlineportale ab, über die Unterlagen hochgeladen werden und auch die Beratung erfolgt. Die andere Hälfte vermittelt einen Termin bei kooperierenden Spezialisten.

Die Qualität der Zweitmeinung

Künftig müssen Zweitmeinungsverfahren konkrete Qualitätsvorgaben einhalten: sowohl was die Güte der Einschätzung selbst angeht als auch die Qualifikation des Arztes, der sie abgibt. Diese Anforderungen gelten allerdings nur für den noch festzuschreibenden Pool an Operationen, die nach dem Gesetz zweitmeinungsfähig sind. Bei allen anderen Zweitmeinungsverfahren gibt es keine konkreten Vorgaben.

Patienten sollten deshalb bedenken, dass sie unter Umständen keine unabhängige Zweitmeinung bekommen. Im Krankenhaus beispielsweise spielen auch die wirtschaftlichen Interessen eine Rolle. Medizin ist heutzutage auch ein Geschäft. Der Rat muss deshalb nicht immer unbeeinflusst von Geschäftsinteressen sein.

Umgekehrt gilt das auch für die Zweitmeinung durch die Krankenkassen (siehe: "Extras der Krankenkassen"). Hier könnte die Gefahr bestehen, dass die "kooperierenden Spezialisten" oder Onlineportale von teuren Eingriffen abraten. Daher empfiehlt sich bei der Krankenkasse die Nachfrage, warum die Kassen-Gutachter zur Beurteilung der jeweiligen Behandlung besonders qualifiziert sind. Direkt mit dem Versicherer sollte auch geklärt werden, ob eventuell doch Kosten entstehen und bis wann mit der Zweit-Expertise zu rechnen ist.

Neben den Krankenkassen gibt es auch private Gutachterbüros, die sich auf Zweitmeinungen spezialisiert haben. Das muss der Patient selbst bezahlen.

Generell sollte man bedenken: Es handelt sich beispielsweise bei Eingriffen an Hüfte, Knie oder Rücken um unumkehrbare Behandlungen. Es sind Einschnitte im Leben. Das Leben mit einem künstlichen Knie ist nicht mehr das gleiche wie mit einem natürlichen Knie, dafür vielleicht schmerzfreier. Diese Entscheidung ist immens wichtig und muss gut durchdacht werden. Damit der Patient als Laie diese Entscheidung überhaupt treffen kann, ist er auf gute Beratung und Zweitberatung (Zweitmeinung) unbedingt angewiesen.