Ballaststoffe in Limos: sinnvoll oder cleveres Marketing?

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Neue Produkte im Limonadenregal: funktionelle Erfrischungsgetränke mit zugesetzten Ballaststoffen. Claims wie „präbiotisch“ oder „High Fiber“ versprechen gesundheitliche Vorteile. Eine Stichprobe der Verbraucherzentrale Bayern zeigt: Der Nutzen bleibt gering, viele Aussagen sind nicht belegt und daher EU-rechtlich nicht zulässig.
alle in der Stichprobe betrachteten Limonaden

Das Wichtigste in Kürze:

  • High-Fiber-Drinks enthalten zugesetzte Ballaststoffe wie Inulin, Dextrine oder Akazienfasern.
  • Eine Dose liefert im Schnitt sieben Gramm Ballaststoffe.
  • Weitere Zutaten wie Apfelessig, Probiotika oder Calcium sollen einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen vermitteln.
  • Mit durchschnittlich etwa fünf Euro pro Liter sind die Produkte deutlich teurer als klassische Softdrinks und Mineralwasser.
  • Gesundheitsversprechen sind nicht ausreichend belegt oder rechtlich problematisch. 
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Ballaststoffe fürs Gesundheitsimage? 

Der Markt für sogenannte funktionelle Getränke wächst seit einigen Jahren deutlich. Hersteller reagieren damit auf das steigende Interesse vieler Verbraucherinnen und Verbraucher an einer gesundheitsbewussten Ernährung. Gleichzeitig sollen die Produkte die Eigenschaften eines klassischen Softdrinks beibehalten: erfrischend, aromatisch und leicht zu konsumieren.

Eine Produktliste der untersuchten Limonaden finden Sie auf der verlinkten Seite.

Mit ballaststoffangereicherten Erfrischungsgetränken versuchen Anbieter gezielt, beide Aspekte in der Vermarktung zu verbinden: Die Getränke sollen wie ein Softdrink schmecken, gleichzeitig aber mit Begriffen wie „High-Fiber“, „präbiotisch“ oder „gut für den Darm“ einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen vermitteln.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen, täglich mindestens 30 Gramm Ballaststoffe aufzunehmen. In Deutschland liegt die tägliche Aufnahme jedoch nur bei etwa der Hälfte der empfohlenen Menge.  

Hier setzen die Hersteller an: Die untersuchten Getränke enthalten zugesetzte Ballaststoffe wie Inulin, Dextrine oder Akazienfasern. Je nach Produkt hat eine Dose oder Flasche zwischen knapp vier und gut zehn Gramm Ballaststoffe. Damit sollen die Getränke laut Herstellerangaben die tägliche Ballaststoffaufnahme erhöhen. 

Am meisten Ballaststoffe enthält das Getränk MoreFizi Orange Flavour mit 10 Gramm pro 330-Milliliter-Dose, eine 0,5-Liter-Flasche Gerolsteiner Flow Limette & Ingwer liefert rund 9 Gramm Ballaststoffe. Andere Produkte liegen deutlich darunter: So enthält etwa Braineffect Daily Gut Limo mit knapp 4 Gramm pro Portion vergleichsweise wenig Ballaststoffe.  

Die Getränke enthalten unterschiedliche Arten von Ballaststoffen, die aus natürlichen Quellen gewonnen und den Getränken gezielt zugesetzt werden. Anders als bei Vollkornprodukten, Obst oder Gemüse fehlen dabei jedoch weitere wertvolle Inhaltstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe.  

Hier ist eine kurze Erläuterung der verwendeten Ballaststoffarten (Glossar)

Welche funktionellen Zutaten und Zusatzstoffe werden beworben?  

Einige Erfrischungsgetränke enthalten weitere Zutaten, die mit einer positiven Wirkung auf die Verdauung oder die Darmgesundheit beworben werden.  

Drei Produkte enthalten Apfelessig – entweder in flüssiger Form oder als Pulver. Dazu gehören Super Pop Passionfruit Mango, Pop‘it Classic Orange sowie Braineffect Daily Gut Limo. Wichtig zu wissen: Eine verdauungsfördernde Wirkung von Apfelessig ist wissenschaftlich nicht belegt.

Auch Bakterienkulturen werden als funktionelle Zutat eingesetzt. In Braineffect Daily Gut Limo wird Bacillus coagulans (Glossar) zugesetzt. In Super Pop Passionfruit Mango wird Lactobacillus plantarum als sogenanntes Postbiotikum verwendet. Dabei handelt es sich um Bestandteile von Bakterien oder deren Stoffwechselprodukte, die keine lebenden Mikroorganismen mehr enthalten, aber dennoch eine Wirkung im Körper haben können. Einige Hersteller reichern ihre Produkte gezielt mit Vitaminen oder Mineralstoffen an, um zugelassene gesundheitsbezogene Angaben nutzen zu können:

So enthält Gerolsteiner Flow Limette & Ingwer zugesetztes Calcium. Dadurch darf die gesundheitsbezogene Angabe “Calcium trägt laut den geltenden EU-Vorgaben zur normalen Funktion von Verdauungsenzymen bei” verwendet werden.

In der Braineffect Daily Gut Limo ist Niacin (Vitamin B3) zugesetzt. Für Niacin gibt es zugelassene gesundheitsbezogene Aussagen, zum Beispiel, dass es zur Erhaltung normaler Schleimhäute beiträgt. Dazu gehören auch Schleimhäute im Körper, etwa im Darm. Die auf dem Produkt vorgenommene konkrete Bezugnahme auf die Darmschleimhaut geht jedoch über diese allgemein zugelassene Aussage hinaus. Daher ist es rechtlich nicht eindeutig, ob sie so zugelassen ist.  

Welche dieser Zutaten welche Rolle im Körper spielen und wie gut ihre Wirkung wissenschaftlich belegt ist, wird hier erläutert.

Was ist von Ballaststofflimos zu halten? 

Kritisch zu bewerten sind insbesondere die gesundheitsbezogenen Angaben auf den Produkten und den Hersteller-Webseiten. Diese entsprechen zum Teil nicht den Anforderungen der europäischen Health-Claims-Verordnung. Grundsätzlich gilt: Aussagen mit gesundheitlichem Bezug dürfen in der EU nur verwendet werden, wenn sie wissenschaftlich belegt und zugelassen sind. Einige Angaben wurden bereits aufgrund der Kritik der Verbraucherzentralen angepasst oder zurückgenommen. Weitere Aussagen werden derzeit von den Verbraucherzentralen rechtlich geprüft.

Es stellt sich die Frage, ob die zugesetzten Ballaststoffe in Form eines Getränks, also einem flüssigen Lebensmittel, tatsächlich dieselben funktionellen Eigenschaften haben wie Ballaststoffe in festen Lebensmitteln. Dazu gibt es bislang keine wissenschaftlichen Daten.

Wer seine Ballaststoffzufuhr verbessern möchte, sollte sich ausgewogen ernähren und auf natürliche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse setzen. Sie liefern neben Ballaststoffen auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. High-Fiber-Limonaden können diese Grundlage nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen.  

Hinzu kommt: Durch ihren süßlichen und erfrischenden Charakter werden die Getränke häufig in größeren Mengen konsumiert. Mögliche Folgen können Blähungen oder Verdauungsbeschwerden sein.  

Viele der untersuchten Getränke kosten zudem mit etwa fünf Euro pro Liter ein Vielfaches von herkömmlichen Softdrinks oder Mineralwasser. 

Fazit

High-Fiber-Drinks sind vor allem ein Marketingprodukt – mit hohem Preis, teils unzulässigen Gesundheitsversprechen und fragwürdigem Nutzen.

Dieser Inhalt wurde von der Gemeinschaftsredaktion in Zusammenarbeit mit den Verbraucherzentralen Bayern und Berlin für das Netzwerk der Verbraucherzentralen in Deutschland erstellt.