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Die Initiative Tierwohl: Wenig Fortschritt für den Tierschutz

Stand:

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die "Initiative Tierwohl" ist ein Bündnis mehrerer Branchen: Land- und Fleischwirtschaft sowie Lebensmitteleinzelhandel.
  • Aus Sicht der Verbraucherzentrale greift der Ansatz der Initiative zum Schutz von Tieren zu kurz.
  • Es fehlt an Transparenz; die Werbung ist überzogen.
  • Kunden haben keine Gewähr, dass das Fleisch aus einem Betrieb der Initiative stammt.
  • Für Verbraucher, die Wert auf eine erheblich bessere Tierhaltung legen, ist dieses Fleisch keine Alternative.
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Was ist die "Initiative Tierwohl"?

Die "Initiative Tierwohl" ist ein Bündnis mehrerer Branchen: Land- und Fleischwirtschaft sowie Lebensmitteleinzelhandel. Sie verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, die Standards in der Haltung von Schweinen, Masthühnern und Puten möglichst flächendeckend zu verbessern. Alle teilnehmenden Schweine- und Geflügelbetriebe müssen bestimmte Grundanforderungen erfüllen. Schweinemäster müssen den Tieren außerdem entweder 10 Prozent mehr Platz im Stall oder ständig Raufutter (zum Beispiel Stroh oder Heu) anbieten. Darüber hinaus muss mindestens ein weiterer Punkt aus einer Liste erfüllt werden. Hähnchen und Puten bekommen zusätzlich etwas mehr Platz; zudem werden ihnen Möglichkeiten angeboten, sich zu beschäftigen.

Die Landwirte erhalten "Tierwohlentgelte", deren Höhe sich nach den gewählten Kriterien richtet. Das Geld kommt aus einem "Tierwohlfonds" des Lebensmitteleinzelhandels: Seit Januar 2015 werden für jedes verkaufte Kilo Fleisch und Wurst von Schweinen und Geflügel vier Cent in den Fonds eingezahlt.

Die Situation im Geschäft

Auf den Verpackungen ist beispielsweise in fetter Schrift zu lesen: "Mit dem Kauf von Fleisch und Wurst von Schwein, Pute und Hähnchen aus unserem Sortiment unterstützen Sie den Wandel zu einer tiergerechteren Haltung." Problem jedoch: Niemand kann sagen, ob in der Packung Fleisch aus einem Betrieb der "Initiative Tierwohl" ist. Dies steht auch auf dem Etikett: "Diese Information bedeutet nicht, dass die erworbenen Produkte bereits vollständig aus teilnehmenden Betrieben der Initiative stammen" – aber, anders als der Werbeblock, nicht in Fettdruck.

Die Verbraucherzentrale befürchtet, dass viele Fleischkäufer die Einschränkung im Geschäft nicht wahrnehmen und den Eindruck haben, sie würden tatsächlich ein Produkt aus tiergerechter Haltung kaufen. Zumal in den Geschäften ab sofort stärker als bislang für die Initiative geworben werden soll. Neben Etiketten auf den Packungen soll es im Umfeld von Fleisch und Wurst noch Plakate und Deckenhänger sowie größere Hinweise auf den Kühl- und Bedientheken und an Regalen geben. Dabei wecken Slogans wie "Weil Tierwohl Haltungssache ist" und "Weil jeder Schritt für mehr Tierwohl ein guter Schritt ist" hohe Erwartungen.

Angesichts des unzureichenden Tierschutzes in der Haltung von Nutztieren begrüßt die Verbraucherzentrale jede Anstrengung, die Bedingungen für die Tiere zu verbessern. Doch der Ansatz der "Initiative Tierwohl" greift viel zu kurz – erst Recht im Vergleich zu den vollmundigen Werbeaussagen im Handel und auf der Internetseite der Initiative.

Mit 18 statt 20 Masthühnern pro Quadratmeter drängen sich immer noch viel zu viele Tiere im Stall; bei Schweinen sieht das mit 10 Prozent mehr Platz nicht besser aus. Und ein Strohballen für bis zu 2.700 Hähnchen oder ein Hanfseil für 20 Schweine reicht nicht für artgemäßes Verhalten.

Transparenz? Fehlanzeige!

Solange es den Tieren nur wenig besser geht, ist die Werbung völlig überzogen. Zudem können Verbraucher sich getäuscht fühlen, weil die pauschalen Botschaften in den Geschäften den Eindruck vermitteln, dass alles Fleisch aus "tiergerechter Haltung" stammt. Tatsächlich ist es nicht sicher, ob es im jeweiligen Geschäft überhaupt ein "Tierwohl"-Produkt gibt. Denn wahrscheinlich sind kaum mehr als 10 Prozent der hierzulande geschlachteten Mastschweine aus der Initiative; Zahlen zum Marktanteil sucht man in den Informationen der Initiative vergeblich.

Nicht einmal das Etikett der "Initiative Tierwohl" bietet die Gewähr, dass die Packung Fleisch aus einem Teilnehmerbetrieb enthält. So ist es Zufall, ob Kunden, die ein Stück Fleisch mit diesem Label kaufen, ein "Standardprodukt" oder eins aus etwas besserer Tierhaltung erhalten. Aber Verbraucher wollen am einzelnen Produkt nachvollziehen können, ob das Fleisch aus verbesserter Haltung stammt oder nicht! Dies hat Ende 2015 eine Befragung im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) gezeigt.

Die Verbraucherzentrale fordert, dass es eine Produkt-Kennzeichnung nur geben darf, wenn das Fleisch nachweislich von Tieren der Initiative stammt. Zudem muss die Initiative ihre Mindeststandards deutlicher über das gesetzliche Mindestniveau anheben.

"Initiative Tierwohl" bedeutet daher aus unserer Sicht bislang nur: Ein kleiner Teil der deutschen Schweine- und Geflügelhalter macht ein klein wenig mehr als die gesetzlichen Vorschriften verlangen. Für Verbraucher, die Wert auf eine erheblich bessere Tierhaltung legen, ist dieses Fleisch keine Alternative.

Wer mehr Tierschutz haben will, muss sich auf die mühsame Suche nach Fleisch mit einem Tierschutzlabel  oder Bioprodukten machen.