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Facebook Messenger: Zwangs-App mit Schnüffel-Funktion?

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Ein weiterer Umweg ist nun zu: Facebook drängt Kunden zum Chatten in seine Messenger-App für Smartphones. Gleichzeitig steckt in dieser ein enormes Schnüffel-Potenzial.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Facebook macht es für Nutzer noch schwieriger, mit dem Smartphone ohne Messenger-App zu chatten.
  • Auch kocht die Diskussion um mögliche Schnüffel-Funktionen wieder hoch - am Beispiel einer US-Professorin.
  • Der Hintergrund: Facebooks Messenger-App kann in den USA seit 2014 über das Mikrofon des Smartphones Umgebungsgeräusche aufnehmen.
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Facebook zwingt mobile Nutzer zum Austausch privater Nachrichten immer stärker in seine separate App. Ein beliebter Umweg wurde geschlossen: Über m.facebook.com konnten Nutzer bisher per Browser in den Chat - jetzt erscheint dort beim Tippen aufs Nachrichten-Symbol der Hinweis, dass die Unterhaltungen zum Messenger verschoben werden. Gleichzeitig wird direkt der Store geöffnet, um die App zu installieren.

So kommen Sie dennoch am Messenger vorbei

Es gibt zwar zwei weitere Ausweichlösungen, diese sind aber deutlich weniger komfortabel. Und wie lange sie Bestand haben werden, ist angesichts der Änderung fraglich.


Zwei Wege zum Chat ohne Messenger-App

Unter der Adresse https://mbasic.facebook.com gelangen Sie zur mobilen Facebook-Seite für klassische Handys. Diesen Weg hat ein Blogger beschrieben. Die sieht zwar nicht so schön aus, funktioniert aber wie die App. Nach dem Login finden Sie oben in der Leiste den Link "Nachrichten".

Die andere Alternative ist, in der Browser-App die Desktop-Version von Facebook laden zu lassen (das geht meistens über einen Haken in den Einstellungen des Browsers). Denn an einem Desktop-PC oder auf einem Laptop können Sie die Nachrichten auf der Facebook-Seite wie gewohnt nutzen. Allerdings wird das auf kleinen Bildschirmen schnell schwierig.


Man fragt sich, warum Facebook seinen Messenger unbedingt so zwanghaft auf die Geräte bringen will – hat das Unternehmen von Marc Zuckerberg doch schon WhatsApp gekauft, das ohnehin der meistgenutzte Messenger ist (weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer). Die Zwangsinstallation wird in zahlreichen Bewertungen der App in Googles Play Store scharf kritisiert.

Diese Berechtigungen fordert die App ein

Kritisch sehen wir insbesondere die Palette an weitreichenden Berechtigungen, die der Messenger einholt. Bei Android, stellt das Jugendportal Checked4You zusammen, will die App momentan Zugriff auf:

  • Telefonstatus und Identität prüfen, ausgehende Anrufe umleiten, Telefonnummern direkt anrufen (hierfür können Kosten entstehen!)
  • MMS und SMS lesen, bearbeiten und senden (auch hierfür können Kosten anfallen!)
  • Auf Kontakte zugreifen, um sie zu lesen und zu ändern
  • Standort erfassen
  • Zugriff auf Speicher, Kamera und Mikrofon, um Bilder, Videos und Audio aufzunehmen
  • Zugriff auf die SD-Karteninhalte, um sie zu lesen, zu ändern oder zu löschen
  • WLAN-Informationen abrufen
  • Voller Netzwerkzugriff
  • Dateien ohne Benachrichtigung herunterladen
  • Pairing mit Bluetooth-Geräten durchführen
  • Über anderen Apps einblenden
  • Ruhezustand des Telefons deaktivieren und Vibrationsalarm steuern
    Audio-Einstellungen ändern
  • Synchronisierungseinstellungen lesen und ändern

Facebook kann damit umfassende Informationen zusammentragen - und zwar nicht nur über seine Nutzer, die dem Ganzen bei Installation und Setzen der Berechtigungen zustimmen. Der Kreis weitet sich über das Adressbuch des Smartphones und die SMS auch auf die Nichtnutzer aus.

Darüber hinaus wird auch ein weiterer Trend erkennbar: Der Zugriff aufs Mikrofon des Geräts. Für Unternehmen mag das verlockend sein. Dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, im privaten Bereich aufzuzeichnen und diese Daten auszuwerten, sehen wir jedoch äußerst kritisch.

Bei Apps, die für Android-Version 6.0 und höher entwickelt wurden, können Berechtigungen einzeln bei der ersten Verwendung und auch nachträglich verwaltet werden.

In den USA hört Facebook seit 2014 zu

Über seine Messenger-App nimmt Facebook in den USA Geräusche auf und wertet die Daten aus. Das Unternehmen räumt das auch ein. Die Funktion müsse aber jeweils vom Nutzer aktiviert werden - etwa um ein Musikstück zu identifizieren. Knackpunkt: Was geschieht mit den gewonnenen Daten?

Der Trend zum Mikrofon in vernetzten Geräten

Google, Amazon und Apple bringen die Sprachassistenten "Home", "Echo" und "HomePod" ins Zuhause. Selbst ein Barbie-Puppen-Modell hat Mikrofone und ist per WLAN mit dem Hersteller verbunden. Und bei Gesprächen mit dem Partner, Freunden oder Kollegen - da liegt das Smartphone auf dem Tisch und Apps haben eventuell weitreichende Berechtigungen.

Werbung für Reise nach dem Schauen einer Afrika-Doku?

Mit einem Fall der US-Professorin Kelli Burns nahm die Diskussion Fahrt auf. Die Kommunikationswissenschaftlerin zeichnete ein theoretisches Szenario, in dem Gespräche mit anderen in der Nähe des Smartphones aufgezeichnet und dann künftig passende Inhalte ausgespielt werden könnten.

Facebook dementiert gegenüber dem britischen Independent eine Verknüpfung von Audiodaten und Auswahl der Werbung.

Im Hilfe-Bereich stellt das Unternehmen seinen Nutzern die Funktion so vor:

"Mithilfe deines Mikrofons und deiner Musik-Apps kannst du Fernsehsendungen und Musik, die du gerade anhörst oder ansiehst, in deinen Beiträgen teilen."

Das klingt harmlos, doch es bleibt eine bedenkliche Entwicklung. In Deutschland ist allein das Zuhören und Auswerten schon ein großes Datenschutz-Problem. "Facebook-Nutzer machen sich nicht nur selbst zum Marktforschungssubjekt", sagt Julian Graf von der Verbraucherzentrale. Es bestehe die Gefahr, dass das Unternehmen durch die Mikrofon-Funktion seine Zielgruppe einmal mehr auf Nichtnutzer ausweite.

So gelangen Unternehmen an Daten über Dritte

Längst analysiert das Unternehmen die im Smartphone gespeicherten Kontaktdaten, nun zeichnet es potenziell auch Gespräche anderer Personen in der Nähe der Geräte auf. "Nichtnutzer haben darin gegenüber Facebook nie eingewilligt", so Graf. "Würden Leute hierzulande von der Smartphone-App aufgenommen, wäre das mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte unserer Ansicht nach sehr kritisch."

Ob nun das Kontaktbuch des Smartphones oder künftig eventuell auch Gespräche um das Gerät herum: "Man sollte sich auf jeden Fall bewusst sein, dass auch Dritte von meinen Einstellungen betroffen sein können."

Das Mikrofon abschalten

Auch wenn sie bei der Installation erst einmal alles einfordern: Je nach Version des Smartphone-Betriebssystems lassen sich die einzelnen Berechtigungen je App konkret steuern. Bei Android finden Sie die Einstellungen unter dem Punkt "Anwendungen" (bei manchen Geräten heißt der auch "Anwendungsmanager", "Apps" oder ähnlich). Bei Apples IOS gibt es unter "Einstellungen" den "Datenschutz", wo sich etwa das "Mikrophon" einstellen lässt.

Aktuelle Smartphones und Versionen der Betriebssysteme lassen auch ganz gezielte Einstellungen zu. So können Sie etwa für Facebooks Messenger das Mikrofon nur kurzfristig einschalten, wenn sie seine Funktion in der App einmal benötigen. Unser Rat: Stellen Sie Berechtigungen für Apps generell sehr zurückhaltend ein.

Am Horizont droht schon die nächste Stufe. Mit seiner virtuellen Brille Oculus Rift, beobachtet Julian Graf bereits, lässt sich Facebook auch Zugriff auf biometrische Daten des Nutzers gewähren - und kann dann beispielsweise dessen Körpermaße erfassen.